Das Nullernergiehaus




Die Energiestrategie 2050 des Bundes nimmt zwei grosse Herausforderungen ins Visier: erstens die Reduktion von Öl, Gas und Kohle und damit weniger CO2-Ausstoss und zweitens den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie. Damit fallen rund 75 Prozent der Energieproduktion weg und hinterlassen eine grosse Lücke. Bessere Effizienz und der Ausbau von Sonnenenergie und Windkraft sollen die Bilanz von Produktion und Verbrauch wieder ins Lot bringen. Das klingt nach einem gar kühnen Plan!
Aber können denn Solarpanels unser Land wirklich zuverlässig mit Strom versorgen? Und sind die alternativen Technologien wirklich reif für einen solch radikalen Abschied von Heizöl, Benzin und Gas?
Der Beweis, ob das für die ganze Schweiz funktioniert, ist noch zu erbringen. Aber man könnte ja auch ein schönes Exempel dieser Strategie im Kleinen realisieren, dachte sich Walter Schmid. Und so entschloss sich der Kompogas-Erfinder, Immobilienbesitzer und Initiant der Umwelt Arena, gemeinsam mit Ausstellungspartnern der Umwelt Arena, das erste Mehrfamilienhaus ohne Anschluss ans Energienetz zu bauen. Einzige Quelle für Warmwasser, Heizung und Strom soll die Sonne sein! Dabei werden nicht Sonderinstallationen aus einem Forschungslabor verwendet, sondern eben Standardprodukte, die es schon heute für alle zu kaufen gibt.
Im Januar 2015 erfolgte in Brütten bei Winterthur der Spatenstich. 16 Monate später, Ende Mai 2017, konnten die neun Wohnungen bezogen werden. Nun hat das Haus das erste Jahr samt strengem Winter hinter sich. Ein paar neugierige Mitarbeiter nahmen dies zum Anlass, dem Pionierbau einen Besuch abzustatten.

Der Rundgang beginnt im Garten. Beeindruckend, wie jeder Quadratmeter des Dachs und sogar der Fassade zur Stromgewinnung per Solarmodul genutzt wird. Selbst die Hausfront auf der schattigen Nordseite ist mit Panels bestückt. Diese sind nicht nur als Energielieferant nützlich, sondern schützen das Haus vor Wind und Regen und brauchen im Gegensatz zu verputzten Fassaden keinen Neuanstrich. Das macht eine Solarfassade über 30 Jahre sogar günstiger als eine, die immer wieder teuer saniert werden muss.

Weiter geht es in die Tiefgarage. Hinter dem Elektrofahrzeug, das sich gerade mit Solarstrom auftankt, befindet sich das Herz des Hauses – jenes Herz, das sich eben grundsätzlich von konventionellen Bauten unterscheidet. 27 Wechselrichter speisen dort die Stromernte von Dach und Fassade ins Hausnetz ein. Es ist August, Mittagszeit, die Sonne brennt vom Himmel. Sie liefert weit mehr Strom, als die Bewohner gerade verbrauchen können. Statt den Überschuss ins öffentliche Netz einzuspeisen, füllt sich das Haus nun den Energievorrat auf, um die sonnenlosen Stunden der Nacht, die düsteren Regentage oder die Wintermonate unter der Wolkendecke zu überbrücken. Ein Batteriespeicher mit 192 Kilowattstunden Inhalt kann das Haus für einen bis drei Tage mit Energie versorgen. Da aber der Winter viel länger ist als ein paar Tage und die Bewohner über diese Zeit überdurchschnitlich viel Wärme und Licht benötigen, ist noch eine andere Komponente nötig: Ein 120 Kubikmeter grosser Tank (entspricht einer 2-Zimmer-Wohnung) lagert per Elektrolyse Wasserstoff für 30 dunkle Wintertage ein.

Solarpanels, Batterien und Wasserstoffspeicher dienen der Stromversorgung des Hauses. Nur ein kleiner Teil der Energie, die ein Haushalt verbraucht, wird fürs Kochen, Waschen, Licht und die Elektronik benötigt. Etwa 70 Prozent des Energiebedarfs gehen auf das Konto der geheizten Stube und der wohlig warmen Morgendusche. Statt einer Ölheizung leistet hier eine Wärmepumpe Schwerarbeit. Drei Erdsonden, die mehr als 200 Meter tief in den Boden reichen, wärmen das Wasser von 10 Grad auf 14 Grad vor. Und obwohl Wasser bei 14 Grad eine Menge Energie enthält, empfinden wir das als kalt. Die Pumpe schafft es, mit wenig Aufwand diese Energie zu verdichten und erzeugt das Duschwasser mit einem Viertel der Energie, verglichen mit einer Ölheizung. Auch für die Raumheizung und das Warmwasser ist Speicherkapazität vorhanden. 250 Kubikmeter Wasser befinden sich unter dem Haus, das entspricht einer gefluteten 5-Zimmer-Wohnung. Dieses Wasser wird über die Sommermonate von 14 Grad auf ca. 60 Grad aufgeheizt und versorgt das Haus über den Winter mit Wärme.

Nach all den spannenden Details über die Technik verlassen wir den Keller und begeben uns in die Musterwohnung des Hauses. Diese sieht wohl schön, aber überhaupt nicht ungewohnt aus. Über ein Tablet können die Bewohner ihren Verbrauch abfragen und sehen, ob sie innerhalb des Budgets liegen. Verblüffend ist, dass die Haushalte im Schnitt nur 70 Prozent der ihnen zustehenden Energie verbraucht haben. Von Einschränkung kann also keine Rede sein.

Anlässlich der Eröffnungsfeier am 6. Juni 2016 schnitt Energieministerin Doris Leuthard symbolisch das Stromkabel durch. «Doch ist ein Haus ohne Stromanschluss überhaupt sinnvoll?», fragt unser Guide Renato Nüesch rhetorisch. Und argumentiert, dass dies bei diesem Projekt gar nicht die entscheidende Frage war, sondern ob sich ein grosses Haus mit Standard-Technik über das ganze Jahr selbst versorgen könne. Und die Antwort lautet klar und einfach: Ja!

Mehr Infos gibt es in der Ausstellung der Umwelt Arena: www.umweltarena.ch
xeiro ag